4x4 Camper Ausbau auf Allrad Kastenwagen

Überblick Allrad-Kastenwagen für den 4x4 Camper Ausbau

Allradantrieb bringt ein Plus an Traktion und Sicherheit, wenn man sich abseits befestigter Straßen bewegen will. Als Basis für einen 4x4 Camper Ausbau gibt es diverse Optionen im Segment der Kastenwagen, die wir hier näher betrachten werden.

Grundsätzlich kann man zwei Wege gehen: entweder man bestellt den Allradantrieb – sofern vom Hersteller verfügbar – direkt ab Werk, oder man lässt ein Fahrzeug mit Heckantrieb bei einem der Umbauer für nicht wenig Geld umrüsten. Die Unterschiede zwischen diesen beiden Wegen schauen wir uns im folgenden noch genauer für die verschiedenen Fahrzeugtypen an.

Grundwissen Allradtechnik

Bevor wir auf die konkret verfügbaren Systeme bei den verschiedenen Kastenwagenmodellen eingehen, müssen wir erstmal ein paar Grundbegriffe klären, damit die Unterschiede der verschiedenen Systeme später auch Sinn machen – Allrad ist eben nicht gleich Allrad.

Folge #20:
Frischer Wind unter den 4x4 Kastenwagen
mit Thomas Lermer von Xtremobility

Hinter dem Begriff "Allrad" verstecken sich unterschiedliche technische Konzepte, um die Kraft des Motors auf alle vier Räder zu verteilen. Zudem gehen oft andere Ausstattungsmerkmale, wie Untersetzungsgetriebe und Differenzialsperren, die ebenfalls dem besseren Vorankommen auf schwierigem Untergrund dienen, damit einher.

Man kann allradgetriebene Fahrzeuge in drei Klassen unterteilen: Fahrzeuge mit permanenten Allradantrieb, mit manuell zuschaltbaren Allradantrieb, und mit automatisch geregelter Kraftverteilung zwischen den Achsen. Beim permanenten Allradantrieb wird die Kraft immer auf alle vier Räder verteilt. Sogenannte Differenziale (oder Ausgleichsgetriebe) zwischen den beiden Rädern einer jeden Achse sowie zwischen der Vorder- und Hinterachse sorgen aber weiterhin dafür, dass sich jedes Rad unabhängig von den anderen drehen kann. Das ist für die Kurvenfahrt wichtig, weil dabei die Hinterachse einen kürzeren Weg als die Vorderachse, und das innere Rad einen kürzeren Weg als das äußere zurücklegt.

Funktionsweise eines permanenten Allradantriebs
Der permanente Allradantrieb treibt alle vier Räder an. Durch die offenen Differenziale kann sich jedoch jedes Rad unterschiedlich schnell drehen. Verliert ein Rad die Traktion, verpufft die Antriebsenergie an diesem Rad.

Beim manuell zuschaltbaren Antrieb fährt man im normalen Straßenbetrieb wie ein Fahrzeug mit Heckantrieb – nur die hinteren beiden Räder werden angetrieben. Wird der Allradantrieb zugeschaltet, wird zwischen Vorder- und Hinterachse durch eine Kupplung ein Kraftschluss erzeugt, sodass die Kraft des Motors gleichmäßig zwischen den Achsen verteilt wird. An jeder Achse sorgen weiterhin die Differenziale dafür, dass sich die beiden Räder unabhängig schnell voneinander drehen können.

Funktionsweise eines zuschaltbaren Allradantriebs
Beim zuschaltbaren Allradantrieb wird im Verteilergetriebe ein Kupplung geschlossen, sodass die Kraft jeweils zur Hälfte an Vorder- und Hinterachse geleitet wird. Die Wellen in rot können sich jetzt nur noch gleich schnell drehen. Verliert ein Rad die Traktion, können die Räder der anderen Achse weiterhin Vortrieb leisten.

Zuletzt gibt es noch den automatisch – und inzwischen meist elektronisch –  geregelten Allradantrieb. Unter normalen Bedingungen fährt man damit wie ein front- oder heckgetriebenes Fahrzeug, je nach Hersteller und Modell. Erkennt die Elektronik Schlupf an einem der Räder, wird die Kraft durch eine steuerbare Kupplung zwischen den beiden Achsen verteilt. Man könnte sagen, das System ähnelt im Prinzip dem zuschaltbaren Allradantrieb, nur dass die Elektronik das Zuschalten automatisch übernimmt und gegebenenfalls auch nicht nur “an” oder “aus” kennt, sondern die Kraft variabel zwischen den Achsen verteilen kann. Die Hersteller bezeichnen diese Systeme lieber als permanenten Allradantrieb. Das klingt besser, aber eigentlich hat man unter einem permanenten Allradantrieb schon immer etwas anderes verstanden.

Neben der Kraftverteilung auf beide Achsen, gibt es zwei weitere Mechanismen, die oft im Zusammenhang mit dem Allradantrieb zum Einsatz kommen: Sperrdifferenziale und Untersetzungsgetriebe.

Sperrdifferenziale können die normale Funktion eines Differenzials (zum Drehzahlausgleich wie oben beschrieben) unterbinden. Beim permanenten Allradantrieb zum Beispiel kommt es im Mitteldifferenzial zwischen Vorder- und Hinterachse zum Einsatz, um zu verhindern, dass bei Schlupf eines Rades die gesamte Kraft an diese Achse geleitet wird. Sperrt man das Mitteldifferenzial, ist das von der Wirkung das gleiche, als wenn man einen manuell zuschaltbaren Allrad aktiviert: beide Achsen sind jetzt fest miteinander verbunden.

Funktionsweise einer Mitteldifferenzialsperre
Bei aktivierter Mitteldifferenzialsperre verhält sich ein permanenter Allradantrieb identisch zu einem zuschaltbaren Allradantrieb: Die Kardanwellen in rot sind fest miteinander gekoppelt. Verliert ein Rad Traktion, kann die andere Achse weiterhin Vortrieb leisten.

Das gleiche Funktionsprinzip kommt auch innerhalb der Achsen zum Einsatz: eine Hinterachssperre sperrt die drehzahlausgleichende Funktion des Differenzials in der Hinterachse und sorgt so dafür, dass sich das linke und das rechte Rad immer gleich schnell drehen, selbst wenn eines der beiden die Traktion verliert. Eine Vorderachssperre erfüllt die selbe Funktion an der Vorderachse.

Funktionsweise einer Hinterachssperre
Bei aktivierter Hinterachssperre wird die Drehzahl-ausgleichende Funktion des Hinterachsdifferenzials gesperrt. Alle Wellen in rot drehen sich jetzt gleich schnell. Selbst bei Traktionsverlust an einem Vorder- und Hinterrad kann das andere Hinterrad weiterhin Vortrieb leisten.

Zu guter Letzt kommt in klassischen Allradfahrzeugen dann noch ein Untersetzungsgetriebe zum Einsatz. Dieses verkürzt wahlweise die vorhanden Gänge, üblicherweise um das zwei- bis dreifache. Das sorgt dafür, dass man sehr langsam fahren und trotzdem viel Kraft auf die Räder übertragen kann. Besonders bei einem manuellen Getriebe verhindert es auch, dass die Kupplung in kürzester Zeit überhitzt, weil man die ganze Zeit mit schleifender Kupplung fährt. Mit einer ordentlichen Untersetzung kann man einfach den 1. Gang einlegen und im Standgas ganz langsam einen steilen Hügel hinaufkriechen.

Nachdem nun das ganze Allradmenü einmal ausgebreitet ist, stellt sich die Frage, was man davon eigentlich braucht, und welcher Hersteller was anbietet.

Welches Allradkonzept für welchen Einsatzzweck?

Hand auf’s Herz – wenn man nicht ganz spezielles mit seinem Camper vor hat, ist jedes Allradkonzept ein Gewinn an Geländetauglichkeit und völlig ausreichend dafür, was man mit so einem Fahrzeug normalerweise machen wird. Anstatt in teurere Allradtechnik zu investieren, ist es dann wahrscheinlich lohnender dafür zu sorgen, dass man etwas mehr Bodenfreiheit hat, z.B. durch eine moderate Höherlegung, und durch den Verzicht auf tiefhängende Trittstufen, Wassertanks, etc.

Soll es dann doch etwas mehr sein, wäre mir wichtig ein Konzept mit Untersetzungsgetriebe oder wenigstens ein Automatikgetriebe mit Wandler und kleinem ersten Gang zu haben, damit man bei schwierigen Passagen ganz langsam und kontrolliert kriechen kann. Gerade mit einem etwas größeren und schwereren Fahrzeug ist das Gold wert.

Sperrdifferenziale für Hinter-, und definitiv für die Vorderachse, sind dann die Luxusausstattung für den Fall der Fälle, die man wahrscheinlich fast nie brauchen wird.

Allrad-Kastenwagen ab Werk

Verschiedene Hersteller bieten ab Werk verschiedene Allradsysteme an, wobei der Trend über die Zeit klar zu den automatisch geregelten Systemen geht. Der Fahrer soll sich um möglichst wenig kümmern müssen, und Bedienerfehler sollen minimiert werden.

Mercedes Sprinter Allrad

Beim Mercedes Sprinter kann man einen automatisch geregelten Allradantrieb bestellen, der zwingend an das 9-Gang Automatikgetriebe und die 190PS Motorvariante gekoppelt ist. Zusätzlich kommt der Sprinter dann auch mit einer Höherlegung von ca. 100mm ab Werk. Eine Untersetzung gibt es nicht – dieses Manko wird aber ein Stück weit durch das Automatik-Wandlergetriebe ausgeglichen, das auch sehr langsames Fahren ermöglicht, ohne eine Kupplung zu überhitzen – zumindest, wenn man dieses System nicht für den Dauereinsatz benutzt.

VW Crafter/MAN TGE 4motion

Den VW Crafter gibt es mit der Option “4motion”. Das ist VWs Markenname für das automatisch geregelte Allradsystem, das z.B. auch im kleineren VW Bus zum Einsatz kommt. Anders als bei Mercedes werden hier standardmäßig die beiden Vorderräder angetrieben, und die Hinterachse bei Bedarf zugeschaltet. Wie bei allen Allrad-Kastenwagen, bekommt man auch hier die Karosseriemaße wie beim Heckantrieb.

Von Werk aus kann eine Differenzialsperre für die Hinterachse bestellt werden. Eine Untersetzung gibt es zwar nicht, jedoch kann man das Fahrzeug (ähnlich wie beim Sprinter) mit einem Wandler-Automatikgetriebe bestellen. Damit lässt sich an kniffligen Stellen bei langsamer Fahrt die Kraft recht gut dosieren. Eine Höherlegung gibt es nicht ab Werk, ist jedoch von Drittanbietern zu bekommen.

Iveco Daily 4x4

Der Iveco Daily 4x4 ist der absolute Ausreißer, was die von Werk aus verfügbare Allradtechnik angeht. Der Daily 4x4 ist eine getrennte Fahrzeuglinie, die von der militärischen Sparte von Iveco entwickelt wird. Den Daily 4x4 gibt es nur in höheren Gewichtsklassen von 5,5t oder 7t, da alleine z.B. das 6m lange Basisfahrzeug 3,5t wiegt. Das liegt an der extrem robusten Ausführung und der Allradtechnik auf Geländewagenniveau: man bekommt hier ein Fahrzeug mit Leiterrahmen, einem permanenten Allradantrieb, alle drei Differenzialsperren und Untersetzungsgetriebe.

Das Fahrzeug steht ab Werk sehr hochbeinig da (die Außenhöhe ist über 20cm höher als beim normalen Kastenwagen) und ist mit Unterfahrschutzplatten sowie seitlichen Schwellerschutzrohren ausgestattet. Den Iveco Daily 4x4 wird man sich sicherlich nicht “aus Verlegenheit” anschaffen, weil man denn Allrad vielleicht mal braucht. Das ist schon ein Fahrzeug für besondere Einsatzzwecke.

Ford Transit Allrad

Beim Ford Transit kann man alle heckgetriebenen Varianten auch als Allradversion bestellen. Auch bei Ford kommt ein automatisch geregeltes Allradsystem zum Einsatz, das man allerdings per Knopfdruck auch manuell zuschalten kann. Allrad gibt es bei Ford ab Werk allerdings nur mit dem 6-Gang Schaltgetriebe. Sonstige Extras wie Sperrdifferenziale, Höherlegung und Untersetzung gibt es nicht ab Werk.

Fiat Ducato/Peugeot Boxer/Citröen Jumper Allrad

Beim Fiat Ducato, dem so beliebten Basisfahrzeug für Camperausbauten, gab es lange einen Allradumbau von der französischen Firma Dangel. Jedoch ist dieser seit einiger Zeit nicht mehr bestellbar – ob es dort in Zukunft eine neue Lösung geben wird, bleibt abzuwarten. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Stellantis Kastenwagen damit keine Option, wenn es ein 4x4 Camper werden soll.

Allradantrieb im Kastenwagen nachrüsten

Auf dem Markt der Anbieter für nachträgliche Allradumbauten ist die Luft inzwischen recht dünn geworden. Folgende Hersteller bieten hier aktuell noch Lösungen an:

  • Iglhaut verbaut sein Allradsystem im Sprinter und Crafter/TGE.
  • Xtremobility rüstet den heckgetriebenen Ford Transit mit einem vollwertigen Allradsystem aus.

Weitere bekannte Namen in diesem Bereich waren die Firmen Achleitner, Oberaigner und Dangel. Die Fahrzeugbauabteilung von Achleitner wurde an die Magirus Gruppe verkauft, ob dort weiterhin auch Sprinter mit Allradantrieb ausgerüstet werden, ist aktuell zu erfragen. Oberaigner hat lange den Sprinter und Renault Master umgebaut, beides wurde jedoch eingestellt. Dangel hat den Umbau den Stellantis Kastenwagen ebenfalls eingestellt – ob es dort in Zukunft eine neue Lösung geben wird, bleibt abzuwarten.

Iglhaut kann sowohl den Sprinter als auch den Crafter mit dem kompletten Allradprogramm ausstatten: permanenter Allradantrieb, Untersetzungsgetriebe, alle drei Sperren, Höherlegung, Umbereifung, Unterfahrschutz, Luftansaugschnorchel… die Liste der Optionen auf dem Bestellzettel ist lang. Bei diesem Maximalprogramm ist man aber auch schnell nochmal so viel Geld los, wie das Basisfahrzeug gekostet hat, und hat 300-400kg Mehrgewicht im Gepäck. Das ähnlich volle Programm hat auch die Firma Achleitner für den Sprinter im Angebot. Wie sich die beiden preislich zueinander verhalten, ist am Ende nur durch konkrete Anfragen zu klären. Aber eines ist klar: im Vergleich zum Werksallrad, der einem einen hohen 4-stelligen Aufpreis kostet, schlagen die Nachrüstungen mit sehr viel mehr zu Buche, aber können dafür auch mehr.

Xtremobility hat den großen Sonderfahrzeughersteller RMA im Rücken und hat zusammen mit diesem einen Allradumbau für den europäischen Ford Transit entwickelt. Der Umbau basiert auf dem heckgetriebenen Transit mit 10-Gang Automatik und bietet alles, was das Allradherz begehrt: eine Untersetztung mit Faktor 2,7, Sperrdifferenziale, Höherlegung um 120mm+, für den Einsatzzweck abgestimmte Federn und Dämpfer und einiges mehr. Dieses Umbaukonzept ist noch recht neu auf dem Markt und macht dem Konkurrenz, was bis jetzt eigentlich nur auf Sprinterbasis möglich war.

Fazit

Wer auf der Suche nach einer Basis für einen 4x4 Camper ist, hat zur Zeit noch die Auswahl zwischen Mercedes Sprinter, VW Crafter/MAN TGE, Daily 4x4 und Ford Transit. Der Iveco Daily 4x4 kommt ab Werk mit der potentesten Allradtechnik, ist aber auch sehr schwer und für die allermeisten Anwendungsfälle wahrscheinlich überdimensioniert und eine kompromisshafte Basis. Wer trotzdem ein klassisches Allradsystem möchte, der muss sich auf dem Nachrüstmarkt für Sprinter, Crafter und Transit umschauen. Ab Werk bieten Mercedes, VW/MAN und Ford Allradlösungen für den weniger extremen Einsatz an.

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